Im Auge des Betrachters

Im Auge des Betrachters

3. April 2019 Aus Von Andrea Gunkler

Dieses Bild ist vollkommen misslungen.

Du willst mir gerade den Vogel zeigen, stimmt’s?

Würde ich wahrscheinlich auch machen, wenn ich nur Betrachter des Bildes wäre und nicht dessen Urheberin.

Denn eigentlich ist es ja ganz nett. Es hat freundlich-frische, ja fröhliche Farben, besitzt Dynamik in den Formen, die Blätter streben nach oben, pralle Blüten zeigen sich, da ist reichlich Leben und jeder denkt an den gerade hereinbrechenden Frühling. Der steht sogar in Buchstaben auf dem Blatt: “spring, spring …“. Englisch, okay, meinetwegen. Oder ist es doch die Befehlsform für „springen“?

Du siehst mich die Schultern zucken.

Hier sind wir beim eigentlichen Kern, der Sache: Was du siehst und was ich „produziert” habe, sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Berücksichtigst du dann noch, was ich vorgehabt habe zu gestalten, dann wirst du meine Aussage vom Anfang nachvollziehen können.

Dies ist ein vollkommen misslungenes Bild.

Zuerst habe ich mit Bleistift die Umrisse der Hintergrundflächen, Blüten und Blätter aufgezeichnet in einer Anordnung, die mir gefiel. So weit im Plan. Maskierflüssigkeit habe ich benutzt, um die Blüten anzulegen, etwas Neues für mich bis dahin.

Na klar, wirst du vielleicht denken, wenn man was Neues ausprobiert, kann das beim ersten Mal schon mal Schiefgehen.

Stimmt. Aber das ist es nicht.

Als nächstes die Farbe. Hier kommt der Knackpunkt. Ich hatte vor, ein monochromes Blumenbild zu haben, das mit unterschiedlichen Grau- und Schwarztönen und mit Weiß auskommt, allenfalls noch mit Sepia oder Indigo. So etwas richtig Edles wollte ich „herstellen“.

Das ist mir gründlich misslungen.

Die weißen Blütenblätter passten noch zu meinem Vorhaben, aber ehe ich es mich versah, waren die Blätter grün und die Blütenstempel gelb, und da ich die Farbe schon mal auf dem Pinsel hatte, färbte ich auch noch den Hintergrund damit ein. Ich hatte dort auch Maskierflüssigkeit aufgetupft, und die weißbleibenden Flecken sollte man am Ende ja schließlich sehen. Ich griff zu grün, gelb, später noch Farbstiften in allen Farben, ein paar bunte Spritzer …

Ich hätte mich ja bremsen können und meinem ursprünglichen Plan folgen, sagst du.

Ja, hätte ich. Aber dann hätte ich mich – und dich – betrogen um dieses Bild.

Was mit dem Grün aus mir herausbrach, war ein kreativer Impuls. Der hat über der Gestaltungswillen gesiegt. Ich habe ihm das erlaubt.

Gestaltungswille entsteht im Kopf. Wir überlegen uns, dieses und jenes “fabrizieren”, eben gestalten zu wollen, malen uns im Kopf aus, wie das Bild werden soll, welche Farbe wo, welches Element wie in Verhältnis zu anderen platziert sein soll. Erst dann nehmen wir den Pinsel zur Hand.

Der kreative Impuls hingegen kommt aus dem Herzen, aus dem Bauch, wo auch immer deine Intuition sitzt. Der kreative Impuls ist der unmittelbare Ausdruck deiner Selbst, ohne all das Glattpolierte und Rundgeschliffene, das dein Ver­stand der Welt zeigen will – oder glaubt, der Welt nur zeigen zu dürfen. Der kreative Impuls ist roh, ungefiltert, rücksichtslos, auch dir selbst gegenüber, und oftmals so überraschend, dass du dich selbst fragst, wo das gerade hergekommen ist. Manchmal macht er mir sogar Angst.

Der kreative Impuls regt sich als körperliches Gefühl in dir. Er kann ein Kribbeln im Bauch oder im Rücken sein, er lässt dein Herz einen Takt schneller schlagen, er schickt das Blut in deine Wangen und du wirst rot vor Erregung – wie Verliebtsein, so fühlt sich das an.

Der kreative Impuls sorgt dafür, dass du genau diese eine Farbe wählst, genau jetzt, und Pinsel oder Stift an genau diese Stelle auf dem Papier setzt.

Dem kreativen Impuls ist es zu verdanken, das dieses Bild ent­standen ist – samt der gottverdamm­ten Herzchen.

Wäre ich meinem Gestaltungswillen gefolgt, hätte ich ein Bild „erzeugt“, dass du so ähnlich vielleicht schon in einem Baumarkt gesehen hast in der Abteilung mit der Woh­nungsdeko oder irgendwo im Inter­net. Während des Malens hätte ich meine Hand ständig zurückpfeifen müssen und die bunten Farbstifte womöglich verstecken. Denn wenn wir es ihr erlauben, weiß die Hand ganz genau, was als nächstes zu tun ist.

Jetzt weißt du, warum das Bild misslungen ist.

Und es gibt noch einen Aspekt bei der Betrachtung, ob ein eigenes Bild gelungen oder misslungen ist: der des Selbstwertes. Welchen Wert messe ich meinem eigenen Ausdruck und damit mir selbst bei? Nehme ich wichtig, was in mir ist und was aus mir herausdrängt?

Manchmal denke ich, wenn ein Bild fertig ist: „meine Güte, wie banal“. Ich bewerte, werte ab, was ich erschaffen habe, messe ihm keinen allzu hohen Wert bei und bin ein bisschen unglücklich. Aber weil ich es inzwischen gewöhnt bin, teile ich das Bild trotzdem in den sozia­len Medien. Und zack: begeisterte Rückmeldungen. Manchmal sind es fünfzehn, manchmal nur eine.

Die Menge spielt keine Rolle. Jemand, und sei es nur eine ein­zige Person, hat etwas in dem Bild gesehen, das sie berührt, das etwas in ihr anspricht. Das Schönste, was dabei passieren kann, ist, dass jemand die Bild­idee aufgreift und etwas Ähnliches auf ihre ganz persönliche Art und Weise daraus macht.

Denn ganz egal, wie wir das, was wir von uns zeigen, selbst bewerten, es kann für jemand anderen die Welt bedeuten und sein oder ihr Leben verändern.

Ja, dazu ist unsere Kreativität in der Lage. Sie ist so mächtig!

Dazu ist es aber erforderlich, dass du dein Inneres zeigst, dass du in die Welt bringst, was in dir ist. Deshalb beurteile nie, was du zu zeigen hast, solange es sich für dich gut anfühlt. was da entstanden ist. Es muss dir nicht einmal gefallen. Du musst es nur herzeigen. Auf diese Weise bist du für andere eine Quelle der Inspira­tion. Was du dir erlaubst, gibt anderen die Erlaubnis.

Vielleicht bleiben die Rückmeldungen aus. Egal, mach weiter. Nicht immer teilen dir die Leute mit, was du bei ihnen ausgelöst hast. Nicht immer ist der Zusammenhang, woher eine Inspiration kam, sofort klar. Vertraue einfach darauf, dass es so ist.

Deshalb meine inständige Bitte du dich – nein, eigentlich habe ich zwei: Folge jederzeit deinen kreativen Impulsen, leg deine Schutzpanzer ab und zeig dich der Welt mit deinem Sein und deinem Schaffen. Tu bitte dir selbst und der Welt diesen Gefallen.

In diesem Sinne: Mein Licht sieht dein Licht.
Namaste!

Deine Andrea