Wenn Kreise sich um Sterne schließen …

… und die Dinge, die man am liebsten tut, sich wie von selbst ineinanderfügen, dann wird es einem mit voller Wucht bewusst, was für ein Wunder das Leben doch ist.

Schreiben und Malen, das sind meine beiden Liebsten. Das Schrei­ben war zuerst da, könntest du denken, wenn du verfolgst, was ich von mir zeige. In Wahrheit ist es an­ders. In Wahrheit bin ich von Kleinkind an eine Malerin. Eine Künstlerin, das wollte ich insgeheim immer sein. Und ich wette, zu der Zeit, als die erste Sternensache passierte, habe ich auch schon gemalt.

Doch zuerst habe ich es aufgeschrie­ben, was ich da erlebt habe, für ein Buch.

Es war nachts unter dem blanken Mond, diese erste Sternensache, ich war ganz allein draußen in der Kälte. Drei muss ich gewesen sein oder vier. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich bin aufgewacht damals mitten in der Nacht, ob von Hautjucken oder Durst oder einem bösen Traum, auch das weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich durchs Haus geirrt bin. Ein altes Bauernhaus war es, in dem wir damals lebten. Ausgetretene, knarrende Holzstufen und zur Haustür hinunter welche aus Stein. Ich spüre sie noch jetzt unter den Füßen und die schwere Eisenklinke unter den Händen, als ich die Haustür geöffnet habe und nach draußen getreten bin in die Nacht. Im Haus hatte ich niemanden finden können. Oder vielleicht doch? Vielleicht hatte ich Eltern und Oma schlafend gefunden, bin aber zu neugierig gewesen auf das, was da draußen war? Auf die Welt bei Nacht? Wer weiß das schon. Den Mond habe ich gefunden, einen lächeln­den Mond und tausend Sterne … und im Aufschreiben Jahrzehnte später sah ich mich als Sterntalerkind, angetan mit einem weißen Leibchen, dessen Schöße ich mit beiden Händen aufhielt, um all die Sterne einzufangen, die vom Himmel purzelten, all den Reichtum der Welt.

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Das Aufschreiben geschah 2015, so um den Dreh, als Kindheitserinnerung für das Buch „Fährtensucherinnen“, das unsere Schreib­werkstatt in der Dippelmühle 2016 veröffentlicht hat.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen, und als die Lesungen auströpfelten, verschwand langsam auch wieder diese Kindheitserinnerung von meinem Radar.

Bis vor ein paar Tagen, als ich ein Kunsttutorial von Laly Mille begann: „True North Star“. Ich lauschte dem, was sie erzählte, ließ mich in die Meditation fallen, von ihr tief berühren – lang ist es her, dass ich in einer Meditation weinte -, tauchte dann ein in den Prozess, in das, was mir am liebsten ist: Collage und Farben und Texturen. Auf einmal war es wieder da, dieses Sterntalergefühl. Von Anfang an sah ich das Sterntalerkind da irgendwo auf einem der beiden Bilder stehen, die Schöße des Nachthemdchens in den Händen, den Blick in den Himmel gerichtet, hinauf zu den Sternen, um all den Reichtum dieser Welt zu empfangen.

Was für ein schöne Geschichte! Das Märchen mochte ich schon immer.
Dieses Mädchen gibt alles für diejenigen, die noch ärmer dran sind als sie, bis sie sich schließlich nackt und bloß und allein im Wald wiederfindet. Ihr letztes Hemd hat sie ge­geben. Und da fielen auf ein­mal die Sterne vom Himmel. Lauter goldene Taler. Wie durch ein Wunder trug sie wieder ein Kleidchen aus feinstem Leinen, in das sie all diese Taler auffangen konnte. Und wenn sie nicht gestorben ist … 

Das nennt man wohl Karma und soll sagen, dass es niemals umsonst ist, anderen etwas abzugeben von dem, was man besitzt. Selbst wenn man nur wenig hat, es gibt immer jeman­den, der noch ärmer dran ist.

Wer gibt, der bekommt zurück. Doppelt und dreifach. Du kennst den Spruch bestimmt: „Wie du in den Wald rufst, so ruft es zurück.“ Bist du freundlich, sind die anderen freundlich. Schenkst du Liebe, erhältst du Liebe. Bist du großzügig mit deinem Geld, deinem Besitz, kommt das alles zu dir zurück. Früher oder später. So funktio­niert die Welt. Das ist Karma. Das wussten schon die Brüder Grimm.

Für mich selbst ist gerade die Zeit des Empfangens gekommen. Ich erhalte so viel im Moment: vom Malen, dem Prozess, dem Austausch mit anderen Künstlerin­nen, den Lehrerinnen, vom Schreiben, dem Prozess, der Intuition, die ich dabei spüre, die mich leitet wie mein „True North Star“, wie ein inneres Navigationssystem und mich hinführt an den Ort, an dem ich Erfüllung spüre. Und Dankbarkeit. Und Liebe.

Weißt du was?
Dieser Ort in gar kein Platz im phy­sischen Sinne. Dieser Ort, das bin ich. Dieser Ort befindet sich in mir. Da sind Frieden, Stille, Zufrieden­heit, wenn ich lese, was ich geschrieben habe, wenn ich be­trachte, was ich geschaffen habe. Und wenn ich erlebe, wie die beiden Komponenten meines Tuns ineinandergreifen, dann weiß ich: es ist ein Wunder.

„Alles auf der Welt besitzt du schon, flüstert der Mann im Mond mir zu, oder etwas ähnlich Schönes, denn er lächelt.“
(Aus: Fährtensucherinnen, S. 167) 

Serendipity-Notiz: 1967 bin ich geboren.

Was auch immer dir ganz be­sonders am Herzen liegt, verschiebe es nicht auf irgendwann in deinem Leben. Tu es. Jetzt. Vielleicht wird es ja gut.

Deine Andrea

Mein Sterntaler-Bild

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