Recherchieren: City Galerie II

Recherchieren: City Galerie II

17. Mai 2016 0 Von Andrea Gunkler

(c) Andrea Gunkler 2016

Bad Hersfeld, City Galerie, Café, 17.4.2016, 14:22 – 14:50

Auf dem Glaskasten über den abgefüllten Getränken Flaschen mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, dunkelbraun bis klar, Dosierspender, das Etikett trägt den Namen eines Universalgenies der Renaissance. Aromen für ein Getränk, das für sich selbst sprechen kann. „Wir lieben guten Kaffee“ auf den Tassen.
Die Buchhandlung ist vom Tresen aus zu sehen.
Die Bank, auf der die Zeitungsfrau sitzen soll, muss ich tiefer in den Raum stellen, unter der Rolltreppe statt an deren Fuß. Buchhändlerin und Bäckereiverkäuferin könnten sie dann sehen; die Bank und die Zeitungsfrau.
Der Dunstabzug über den Soßentöpfen brummt, beständiger Ton.
Ein elektronischer Ton, Weckton vielleicht, ein Handy oder Telefon?, zwei Mal hintereinander eine Folge aus drei Tönen, „di di di“, hoher Ton, tieferer Ton, nicht ganz so hoher Ton, gleichmäßiger Rhythmus, kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Kann weder Noten noch Kadenzen erkennen. Sind das überhaupt Kadenzen, die Abstände zwischen Tönen auf der Leiter? (Keine Kadenz, habe nachgesehen, was ich meine, ist ein Intervall. Darauf hätte ich auch ohne Internet kommen können.)
Holzpfeffermühle buchenfarben unterarmlang neben Plastikflasche für Dressing, rostfarbener, transparenter Gießaufsatz.
War nicht das Telefon, es tönt beständig elektronisch, „di di di“, aus der Küche vielleicht, das „Hallo“ galt einer Kundin vorm Tresen.
Gedämpftes Plappern, ein Gewebe aus Stimmen, eine hellere sticht heraus, als hätte sich der Teppich an irgendetwas einen Faden gezogen, keine Stimme so deutlich, das Worte verständlich wären.
Ein Wecker „biep biep biep biep“ in schneller Tonfolge überlagert das „di di di“. Einen Biep-Wecker hatte ich selbst mal, hellblau, Reisewecker, nervtötendes Ding.
Weiße Pappkartons zum oben Zufalten hinter dem Glastresen, wie beim Asiaten, neben Basilikumtopf und Pfeffermühle aufgereiht, aufgestapelt – gebratene Nudeln und Asiaschrimps aus einer Bäckerei?
Weiter „di di di“.
Aus der Küche Geschirrscheppern und Besteckrappeln, eine Spülmaschine muss ihre Arbeit beendet haben.
Ich frage mich, ob der etwas modrige Geschmack des Milchschaums vom Milchaufschäumen kommt oder von einem Spülmittel, von dem Reste am Löffel haften.
Es gibt Eiswasser zum Kaffee, serviert mit einem Knusperstück, in Plastik verpackt, auf ovalen graugemaserten Kunststofftabletts, auf die nicht mehr passt als eine Tasse mit Untertasse und das Wasserglas.
Die Tische schlicht viereckig, Vollholz, Landhaus weiß lasiert, die Längsseiten gegen die Maserung mit einem Brett abgesetzt, so dick wie die Tischplatte selbst, das Gestell darunter gerade, etwas fünf Zentimeter vom Tischkantenrand nach innen versetzt, die Tischbeine an den kurzen Seiten unten verstrebt, dazwischen ein Balken als Mittelstrebe unter der Tischlänge entlang, ideale Fußstütze.
Tischdekoration: eine Plastikaloe in faustgroßem grauen Keramiktopf. Ich muss es anfassen, um sicher zu sein, dass der Topf nicht aus Plastik ist. Außerdem ein Holzklotz, oben angeschrägt mit einer Nut darin für die Frühstückskarte.
Über dem Tisch die Brauhausleuchten, gealterte Kupferschirme mit gestanzten Löchern darin, in der Lampe über meinem Tisch fehlt die Birne.
Die Wände treppenartig gefliest bis auf Armausstreckhöhe, hochglanzglasierte Fliesen, waagerecht im Mauerverband geklebt, graubeige, strukturierte Oberfläche, zwischen Küchentür und Fenster nach draußen Stockfotos mit Essensbezug, quadratisch, ebenfalls Hochglanz, unter der Decke im gestrichenen Grau als kapitaler Schriftzug ein Fellini-Zitat: „La vita e una combinazione di magia e pasta.“ Das Zitat muss Rafael bei passender Gelegenheit verwenden.
Rot-rosa Siebdruckoliven seitlich am Dunstabzug.
Klappern, Rattern, Besteck klirrt auf den Boden, Geschirrwagen Richtung Küche, und weiter „di di di“. Ob das Thekenpersonal den Ton noch hört? Dann der Biep-Wecker, zum dritten Mal.
Rascheln: Gebäcktüten. Klappern: Plastiktabletts.
„Ein Getränk dazu?“
„Drei Euro …“
„Das geht schnell. Bis ich abgezogen habe, ist das fertig.“
Münzen klappern in den Plastikschalen der Registrierkasse.
Zeigen mit ausgestrecktem Zeigefinger. „Ich hätte gern …“
Rückfrage mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Antwort mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Biep-Wecker zum vierten Mal.
Klappern: Backofentür. Schaben: Pizzaschieber. Rascheln: Gebäcktüte.