Recherchieren: City-Galerie I

Recherchieren: City-Galerie I

27. April 2016 0 Von Andrea Gunkler

Bad Hersfeld, City Galerie
Innen, 25.4.2016 und 26.4.2016, 10:39 – 11:11 und 10:16 – 10:23

Der Eingang zur Galerie ist ein Tunnel, der Besucher auf die Rolltreppe spuckt. Aufzüge, einer rechts im Eingangstunnel, einer links neben der Parfümerie. Keine Treppe. Rechts und links Gänge zu den Geschäften: links Schmuck, Brötchen, Fleisch, Bücher und Bekleidung rechts, zwischen Büchern und Bekleidung der Gang zu Toiletten und Tiefgarage. Toiletten ja, der Zugang zur Tiefgarage scheint geheim. Offener Raum, zwei Etagen hoch, das Untergeschoss sieht nur, wer sich auf die Rolltreppe stellt. Wieder keine Treppe. Die meisten Besucher drängen sich links an der Rolltreppe vorbei, vor der Bäckerei und der Metzgerei entlang zum hinteren Ausgang der Galerie. Hier rechts eine Drogerie, im Knick ein Reisebüro und anschließend eine Apotheke mit einer Plüschkuh vorm Eingang, lebensgroß.
Beton – Säulen, Stürze – eierschalenfarben gestrichen, die Fliesen hellgrau gesprenkelt, dunkelgraue Fugen. Die Zwischendecke rechts treppenförmig auskragend, drei Stufen, jede etwa dreißig Zentimeter hoch. Darüber das Geländer der Empore, Glaswände und Holzhandlauf, halbrund, Buche womöglich oder Birke. Säulen durchstoßen die Galerie von unten bis oben, etwas vom Geländer zurückgesetzt auf der einen Seite; man könnte hindurchgehen zwischen Geländer und Säulen. Wenige Menschen oben.
Über allem ein Pultdach aus Glas, Stahlkonstruktion, Rechteckscheiben, Streben zu den Fenstern für den Mechanismus, damit im Sommer Tauben einfliegen könnten. Im Abstand von sechs Stahlrahmen Lampen, nach umgestülpte Glasvasen größer als Eimer, mit Lochblechen über der Fassung, paarig angeordnet rechts und links der Glasluken, ein Stahlprofil Abstand dazwischen. Die Sonne malt Streifen an den Sturz links, wo die Strahlen von Streben aufgebrochen werden, und Quadrate auf den grauen Fußboden im Lichthof, wo die Ausstellungskuben Platz dafür lassen. Es könnte Sommer sein, wenn die Leute nicht dicke Jacken trügen. Sonnenkaros, strebendurchkreuzt, auch am Sturz über der Drogerie.
Lichtquadrate unter der Brücke der Empore, oben über der Galerie rechts Leuchttüllen mit dem Umfang von Kaffeetassen und runde Leuchten dahinter, über den Eingängen der Geschäfte, Glasrondelle zur Abschirmung, groß wie Kuchenteller. Auf der linken Seite der Galerie eine Reihe dieser runden Leuchten, dann in die Decke eingelassene Quadrate, indirektes Licht von den Rändern, darin paarig angeordnete quadratische Leuchten, Glasquadrate als Abschirmungen, vier Reihen hintereinander, dazwischen Notausgangsschilder. Links sind die Säulen breiter, tragen das Geländer der umlaufenden Empore, dreimal so dick wie die Säulen rechts.
Die Rolltreppe vom und zum Obergeschoss, vom und zum Untergeschoss, wummert unablässig. Im Lichthof raumhohe Ausstellungskuben, rot, gelb, blau, grün – Wanderkino mit Filmen über die Weimarer Republik – versperren Sichtachsen, verwehren Sitzplätze, verdunkeln die Stimmung.
Links hinter dem einsamen Schmuckgeschäft, halb noch im Eingangstunnel, ein Bäckereitresen, über Eck eine Essenstheke, Cafébetrieb, gemischte Sitzzone mit dem Metzger mit Mittagstisch nebenan, nur wenige Tische besetzt. Wandelemente mit Holzdekor als Raumteiler, schaffen so etwas wie Abgeschiedenheit. Rollwagen für benutztes Geschirr zwischen den Tischen, mannshoch, in feste Seitenwände montierte Fächer für Tabletts. Gäste sitzen neben Müll, Essensresten, benutztem Geschirr.
Um die Ecke, entlang des Gangs vor den Rollwagen und den Tischen, die Cafétheke, wo sich die Gäste Kaffee und Menüs auf Tellern abholen, wenn sie sitzen wollen. Spots in der Decke laufen bis über den Brötchenstand, immer zwei dicht nebeneinander, eingebaut in Gitterwürfel, die sich kippen lassen, die Leuchte auf die Wände gerichtet, Lichtflecken blenden im burgunderroten Firmenschild. Über der Essensausgabe so etwas wie Wärmelampen, tief abgesenkt über den Tresen, an der Decke befestigt mit grobgliedrigen Ketten, gedengeltes Kupfer die Deckenanschlussblende, geschliffenes Kupfer die Lampenschirme, die an Brauereien oder jahrhundertealte Gaststätten erinnern.
Am Bäckereitresen Brotlaibe in Regalen unter dem lichtfleckigen Firmenschild, runde, kastenförmige, längliche, zwölf oder dreizehn verschiedene Brotsorten, in der Vitrine davor Brötchen und Gebäck, süß und salzig. Eine Schlange hat sich gebildet. Die Verkäuferin findet für jeden Kunden die passende Ansprache, redet mit einem Kind, ob es etwas Süßes wolle, schaut die Kundschaft an, bis die Bestellung klar ist, zählt das Geld, behält die Kasse im Auge, wenn Kunden bezahlen, redet mit dem Brot, wenn sie die Sorten erklärt. Sie ist blond, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht mittelalt, lehnt sich über die Theke, den Kunden entgegen, nennt den Preis, tütet Brote und Brötchen ein. Für die Umgebung hat sie keine Zeit. Ihre Stimme übertönt selbst das Dauergemurmel und -getrappel in der Galerie, das Rauschen der Rolltreppe, das Geschrei eines ungeduldigen Kindes. Der Duft von Brötchen wabert um die Schlange.

Wird fortgesetzt …