Nimm den langen Weg heim

Nimm den langen Weg heim

24. Mai 2019 Aus Von Andrea Gunkler

Wer pendelt, fürchtet oft eines: Umleitung!

Der tausendfach eingeübte und so gewohn­te Weg, den wir täglich einmal in die eine und einmal in die andere Rich­tung zurücklegen, ist versperrt. Diesen Weg könnten wir im Schlaf nehmen, wir kennen jede Biegung, jede Ampelphase, jeden Grashalm am Weg. Und auf einmal: eine Sperrung. Warum, ist egal. Wir können diesen Weg nicht benutzen. 

Was für ein Ärgernis! 

Stopp! 

Ist es das wirklich, ein Ärgernis? Oder ist so ein Umweg nicht vielleicht auch eine Chance? 

Die Idee zu diesem Text kam mir beim Stöbern in der Online-Buchhandlung. Nirgends wird es einem leichter gemacht, auf Umwege zu geraten, als in den Empfehlungssystemen von Online-Shops. Das kennst du sicher, oder? Hölzchen und Stöckchen? Du suchst eine bestimmte Sache und auf einmal fin­dest du etwas, das dich anspricht. Das hast du gar nicht gesucht, aber gefunden. Was für ein Glück!

So ging es mir gestern mit einem Buch. „Field Guide to getting lost“ – zu deutsch: “Die Kunst, sich zu verlieren”. Das Buch wollte ich schon immer einmal lesen. Als ich zum ersten Mal von dieser „Getting lost”-Idee hörte, sprang et­was in mir an. Sich absichtlich ver­laufen? Was für ein… 

Moment mal. Kein Quatsch! Ohne es je so benannt zu haben, hatte ich genau das schon so oft gemacht in meinem Leben. Jetzt gab es darüber ein Buch! Und einen Blog! Wow! 

Was ich für mich entdeckt hatte, war dies: Wann immer mir eine Pendelstreche allzu bekannt vorkam und sie mir langweilig wurde, wählte ich eine an­dere, benutzte ein anderes Verkehrsmittel oder ging zu Fuß, wenn das mög­lich war. Manchmal gaben auch Straßenbauarbeiten den Anstoß, eine andere Strecke zu wählen – Umleitungen eben. Oder – mein Lieblingsgrund für Ausweichmanöver: Staus. Ich habe 20 Jahre im Ballungs­raum Frankfurt gelebt, die Hälfte davon 10 oder 40 km von meiner Arbeitsstelle entfernt, was bedeutete, dass ich pendeln musste. Ich weiß also genau, wie sinnlos Lebenszeit sein kann, wenn man sie auf dem Weg von A nach B in Staus verbringt oder in vollgestopften Zügen – vor allem dann, wenn man rasch diese Strecke zurücklegen will. Ich weigere mich, diese Stunden einmal zu zählen, sonst würde ich wahrscheinlich in Tränen ausbrechen, wie damals auf dem Weg von Offenbach nach Frankfurt, allein im Auto, als ich vor lauter Frust den Kopf gegen das Lenkrad schlug anfing zu heulen. 

Ja, es gab diese Momente wirklich, da saß ich hinter dem Steuer und habe vor lauter Hilflosig­keit bittere Tränen vergossen. Als sei dies mein Schicksal! Das habe ich da­mals tatsächlich geglaubt. Es schnürt mir jetzt noch die Kehle zu, wenn ich daran denke. Oder daran, wie ich bzw. mein Körper ganz genau die Ruckler und Bewegungen der Straßen­bahn kannte, wenn sie an der Frank­furter Messe vorbeifuhr. Ich kenne sie heute noch so genau, dass ich sie gera­de wieder spüre: den Ruck und das sanfte Hineindrücken in den Sitz, wenn die Bahn von der Haltestelle anfuhr, und das Nachvornfallen kaum fünf Meter weiter, wenn die Bahn an der Ampel sofort wieder stoppen musste. Und das musste sie immer!

Damals ging das schon los. Das nach Sensation und Spaß gierende Spielkind in meinem Him fing jedes Mal an zu toben und zu schreien, wenn es tagelang nur das Ewigselbe zu sehen und zu spüren bekam. Das Toben und Schreien spielte sich über viele Jahre hauptsächlich innerlich ab, weil ich mich selbst züchtigte, dem Spielkind nicht nachgab, weil ich glaubte, diese inwendigen Kämpfe seien normal, ich müsste mich einfach beherrschen. 

Dass ich dann doch irgendwann mit selbstgemachten Umleitungen anfing, fand seinen Anstoß in einem Unfall, den die Straßenbahn eines Tages hatte. Sie war mit einem Auto kollidiert, alle Passagiere mussten am Platz der Republik aussteigen. Damals wohnte ich auf dem Gelände des Uniklinikums auf der anderen Mainseite. Es wären noch 5 Haltestellen gewesen bis zu meiner Wohnung. Ich entschied mich, den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Was ich sonst nur aus dem Straßenbahnfenster zu sehen bekam, erlebte ich jetzt unmittelbar: die Massen an Fahrzeugen rund um den Hauptbahnhof, den Lärm, den Abgasgestank, das Hupen am Baseler Platz, wenn die Autofahrer die Kreuzungen nicht freihielten bei Rückstau, der Blick auf die Strömung des Mains, über das Geländer der Friedensbrücke gelehnt auf einmal so viel näher als vom erhöhten Sitz in der Bahn und von der Mitte der Straße aus, das jenseitige Ufer mit den Pla­tanen, das die Straßenbahn nicht befuhr.

Als ich zuhause ankam, fühlte ich mich beflügelt, beseelt, so unglaublich lebendig. Das Spielkind in meinem Kopf war zutiefst befriedigt angesichts all der neuen Eindrücke. Es hatte sich ein bisschen gefürchtet im Trubel um den Hauptbahnhof, ist aber tapfer den Weg weitergegangen. Es hat den Gestank der Autos gerochen und den Duft des Mains genossen, nicht unbedingt ein berauschender Duft, aber immerhin ein neuer. Es hat das Blätterrauschen der Platanen am Flussufer gehört und sich einen Moment lang gefühlt wie auf einer noblen Uferpromenade, mir der Sonne im Gesicht und dem Wind in den Haaren.

Von diesem Tag an habe ich das öfter gemacht, egal, in welche Rich­tung. An Sommermorgen bin ich zeitiger losgelaufen, um die Strecke zur Bibliotheksschule zu Fuß zu gehen. Da ließ ich mir extra Zeit, um die Blumen in den Vorgärten des Westends zu bewundern, bevor das dröge Sitzen auf der Schulbank wieder losgehen würde.

Später, bei manchmal stundenlangen Umwegen mit dem Auto, nannte ich dieses absichtsvolle Mich-Verfahren „den langen Weg nach Hause“ nehmen, im Kopf dabei Supertramp und Roger Hodgson Stimme, der sang: “you take the long way home“. In Kiel genoss ich die winterliche Dunkelheit in den Straßen und die Weihnachtsbeleuchtung in den Fenstern der Gründerzeithäuser rund um den Schrevenpark. Solche Dinge hätte ich niemals vom Auto oder vom Bus aus wahrgenommen.

Probier das doch mal aus, wenn dir dein eigener Pendelweg auf die Nerven geht. Oder freue dich darüber, dass auf deiner Strecke eine Umleitung eingerichtet wurde und du jetzt gleich ganz neue Eindrücke sammeln kannst. Das Spielkind in deinem Kopf wird es dir danken mit Gefühlen von Freude, Glück, dem leisen Kribbeln von Erregung und Furcht, dann aber auch Erleichterung, Dank­barkeit. Denn alles, was anders ist als das Alltägliche, ist für es das Schönste auf der Welt.

Oder verlauf dich in deiner Stadt doch mal mit voller Absicht, wie Rebecca Solnit das in ihrem Buch vorschlägt. Wer weiß, welche Entdeckung auf dich wartet, wenn du „the long way home“ nimmst, welche Begegnungen du haben wirst. Vielleicht verändert sie dein ganzes Leben!

In diesem Sinne: mein Spielkind freut sich jetzt schon mit deinem Spielkind.

Namaste 🙏
Deine Andrea