Nie wieder Einheitsbrei!

Nie wieder Einheitsbrei!

26. Oktober 2018 Aus Von Andrea Gunkler

#fraugunklerkocht

Am kommenden Sonntag wird in Hessen gewählt. Ich werde wählen gehen, wie ich das ganz selbstverständlich jedes Mal tue, wenn ich meine Stimme abgeben darf, um etwas damit zu sagen. Diesen semantischen Widerspruch mochte ich schon immer, aber das nur am Rande. Vor allem mag ich Demokratie. Sie ist die beste Staatsform, die es momentan unter der Sonne gibt, finde ich. Die Möglichkeit der Mitbestimmung in einer pluralistischen, offenen Gesellschaft ohne Denkschranken empfinde ich als Privileg. Denn in ungezählten Ländern auf der Welt ist das anders, werden Menschen ihrer Haltung und Gesinnung wegen verfolgt, verhaftet, gefoltert, getötet. Hier bei uns ist das zum Glück anders – und ich möchte, dass das so bleibt! 

Blöderweise sehen das nicht alle so. Blöderweise haben nicht mal 75 Jahre nach dem Ende eines totalitären Regimes hierzulande viele Menschen vergessen, wie groß das Privileg ist, in einer Demokratie zu leben. Sie berufen sich auf das Niederreißen von Denkschranken und erheben das, was man ja wohl noch wird sagen dürfen, zum alleingültigen Denkmuster.

Man mag dies für eine Schwäche der Demokratie halten, dass sie ausgerechnet einer Partei eine Existenzberechtigung bietet, die die Demokratie am liebsten abschaffen würde. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Diese Eigenschaft macht eben die Stärke der Demokratie aus: Sie erlaubt es allen Akteuren, sie zu hinterfragen, das „System“ zu kritisieren, es auf die Probe zu stellen und neue Vorschläge zu machen.

Das geschieht gerade. Die Demokratie wird auf die Probe gestellt – nur leider mit uralten Vorschlägen.

Wie gut, dass ich gerade Kartoffelbrei koche. Beim Stampfen kann ich einiges an Zorn loswerden. Ich fürchte nur, den armen Kartoffeln damit unrecht zu tun. Die sind übrigens nach Deutschland eingewandert, aus Südamerika, verschleppt worden eigentlich, via sicheres Drittland Spanien – wollte ich nur mal anmerken.

Zurück zur Wahl und zum sogenannten Wahl-Kampf: Was die #fckafd da plakatiert, mutet für mich an wie ein Verschleierungslückentextspielchen. „Mehr Geld für Rente statt für illegale Migranten“ wird da gefordert. Wäre da Ehrlichkeit im Spiel, müsste es korrekt heißen: „Mehr Geld für Rente ab 72 …“, denn so lang will uns diese „Partei“ malochen lassen, so das Wahlprogramm dieser „Herr“schaften. (Okay, es sind auch Frauen darunter, aber da geht offenbar so einiges im Hirn schief … dazu sage ich jetzt nichts.) „Geltendes Recht durchsetzen“ steht auf einem anderen Plakat, und ich möchte hinzufügen „… auch, was die Verfassungsmäßigkeit dieser Partei angeht“. Denn Verfassungstreue darf angezweifelt werden, wenn ich höre, was manche Politiker*innen aus diesen Reihen so von sich geben. An der Grenze auf Menschen schießen, ja ist es denn zu fassen!!

Doch zurück zu den Wahlplakaten. Dasjenige, das mir am meisten Galle die Kehle hochtreibt, ist beschriftet mit „Schutz für unsere Frauen und Töchter“.

Wie bitte?

„Unsere“?

„Unsere Kinder“ ließe ich ja noch gelten. Schließlich könnten sie sich im Falle von äußeren Gefahren potenziell schlechter wehren, und als Erwachsene ist es unsere Pflicht, allen Schutzbedürftigen die Hilfe zukommen zu lassen, die sie brauchen. Aber diese #fckafds wollen nur Mädchen beschützen? Was ist mit den Jungs? Brauchen fünfjährige Bengel keinen Schutz? Ich meine schon, und zwar so lang, bis sie volljährig sind und ihre eigenen Entscheidungen treffen.

„Unsere Frauen“ haut dem Fass allerdings den Deckel aus der Krone. Seit wann hat irgendjemand einen Besitzanspruch auf mich? Euch ham sie wohl ins Gehirn gesch…? Entschuldigt die harten Worte. Ich habe zu heftig im Kartoffeltopf gerührt und jetzt kleben Püreeplacken an den Wänden.
„Unsere Frauen“? Dagegen verwahre ich mich mit aller Vehemenz! Ich bin niemandes Frau. Ich bin zwar verheiratet, aber deshalb noch lang nicht ein Besitztum meines Mannes. Punktum. Das zum Einen.

Wer sagt, zum Anderen, dass wir Frauen Schutz brauchen? Wir machen unsere Schulausbildung aus eigener Kraft, verdienen unser eigenes Geld, haben unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen vom Leben und erreichen sie auch. Ohne euch. Wir brauchen niemanden, der uns beschützt. Wovor denn, bitte schön?

Vor allzu zudringlichen Männern vielleicht, denen beim Anblick eines Dekolletés oder eines Pos in kurzem Rock das Hirn austickt und die zum Tier zurückmutieren, die glauben, Frauen ließen sich nur zu gern an den Haaren in irgendwelche Höhlen zerren und mal so richtig ordentlich durchf… Dieses gelegentliche Austicken ist dabei keinesfalls auf irgendeine Haarfarbe, Hautfarbe oder Herkunft beschränkt, sondern lediglich auf das Geschlecht.

Ist so etwas dann passiert, wo ist er da, euer Schutz? Nehmt ihr uns in Schutz vor den Demütigungen des Ermittlungsprozesses? Steht ihr uns bei, wenn die Beweislast bei uns liegt? Wenn vertuscht und verharmlost wird und behauptet, alles sei in gegenseitigem Einvernehmen geschehen? Wenn Wort gegen Wort steht, wem glaubt ihr dann?

Ne? Siehste selbst!

Neulich hörte ich in einer amerikanischen Krimiserie einen äußerst klugen Satz: „Ich brauche nicht deinen Schutz. Ich brauche deine Loyalität.“
Dem kann ich mich nur anschließen. Wir Frauen brauchen eure Loyalität, Männer! Damit beide Geschlechter, Männer wie Frauen, gemeinsam an einer Welt arbeiten können, die allen die besten Chancen bieten. Auch das mag ich zu idealistisch sehen, aber ich glaube, dass wir die Herausforderungen der Zukunft – rasant fortschreitender Klimawandel, Bevölkerungsexplosion weltweit, Nahrungs-, Wasser- und Energieknappheit, die daraus resultierenden Wanderungsbewegungen – nur gemeinsam meistern können. Ein Geschlechter- und Rollenverständnis wie aus den nach-(und-noch-)nazistischen Jahren des letzten Jahrhunderts ist dazu herzlich wenig geeignet.

Also geht um unseres Seelenfriedens willen wählen! Und kommt ja nicht auf die Idee, #fckafd zu wählen. Wenn ihr gegen irgendetwas protestieren wollt, wählt meinetwegen die Partei bibeltreuer Christen oder die Tierschutzpartei (um nur irgendwelche zu nennen). Dort ist eure Stimme auf jeden Fall besser aufgehoben.

Idealismus hin oder her: Ich glaube daran, dass am Ende alles gut wird. Und an Kartoffelbrei!

Hier das Rezept:

Mehlig kochende (!) Kartoffeln in Salzwasser gar kochen (ca. 20 Minuten).
Die Kartoffeln abgießen und in eine Schüssel füllen.
Je nach Wutpegel mit Stampfer in der Faust, Gabel in der Hand oder Kartoffelpresse in zwei Händen die Kartoffeln zerdrücken.
Vorsichtig nach und nach warme Milch hinzufügen, während du den Kartoffelstampf mit dem Handrührgerät schlägst. (Argh, so viel Gewalt!!) Während des Prügelns so viel Milch hinzufügen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist.
Einen Stich (aua!) Butter hinzufügen.
Mit Salz, Pfeffer und frisch geriebener Muskatnuss abschmecken und möglichst heiß servieren.

Wohl bekomm’s … äh: Guten Appetit wünscht
eure Andrea Gunkler