Naheliegend, aber irreführend

Ich wünschte, ich hätte es so gelassen …

Gestern habe ich ein kleines Junk-Journal bemalt. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.

Was war das für eine Freude, als die Seiten fertig waren. Ich hatte übriggebliebene Papierstücke, Buchseiten, Papierstreifen zu einem Heft gebunden mit einer einfachen Fadenheftung, auf den Seiten ein bisschen mit dem Stabilo All herumgemalt und weißes Gesso verteilt. Nur ein klein wenig.

Beim Podcasten gestern fügte ich dann das hinzu, von dem ich mir großen Spaß versprach: Stickstiche in verschiedenen Farben. Mal einfach so auf dem Papier, mal befestigte ich Zeitungsstreifen oder Stoffstücke mit den einfachen Vorstichen. Wenn dir schon einmal der Begriff „Slow Stitching“ begegnet ist: genau das ist damit gemeint.

Es war so entspannend, wohl­tuend, und das Heftchen sah danach so gut aus, so richtig gelungen, so ähnlich, wie ich das bei Leuten gesehen hatte, deren Arbeit ich sehr mag.

Und dann machte ich den Fehler.

Ich dachte, das gehört jetzt so, wenn ich mit Softpastellen in dem Heftchen male und am Schluss noch etwas hineinschreibe. Falsch, ich dachte nicht, dass es so sein müsste. Ich wollte es genau so machen. Das Heft verlangte es von mir: mal mit Pastellen. Schreib etwas hinein. Ohne diese Schritte wäre der Prozess für mich unvollständig gewesen.

Ja, ich wollte mit den wunderbaren neuen Softpastellen darin malen. Und am Schluss fand ich auch noch Wörter auf den Papierstücken der Collage, die mich zu einem Text führten. Seite für Seite ergab er sich von ganz allein, und ich schrieb und schrieb, total unleserlich, aber für mich ergab das alles Sinn.

Heute kann ich nicht aufhören, das Heftchen durchzublättern. Am liebsten würde ich mich an den Kopf fassen! Hätte ich doch nur diese Farben nicht da hineingetan. Wo es mir zu bunt ist, könnte ich mit einer Schicht Gesso nachhelfen. Wahrscheinlich tritt das Bunte dadurch ein wenig zurück.

Wahrscheinlich aber wird es nie so sein, wie es vor dem Buntanfall gewesen war. Wahrscheinlich mag ich das Heft dann gar nicht mehr.

Denn eigentlich – und gerade habe ich es wieder durchgeblättert – ist dieses Heft ein ziemlich genauer Spiegel dessen, was in MIR ist: es ist bunt, aus unzähligen verschiedenen Materialien, es ist zerrissen, hat Ansätze von unendlicher Schönheit und ist als Ganzes ein Kunstwerk. Reichlich spröde, aber ein Kunstwerk. Nicht mehr und nicht weniger.

„Naheliegend“ und „irreführend“ sind die beiden Wörter, die ich auf den letzten Seiten fand. Naheliegend, dieses Heftchen so zu gestalten, wie es gefällig wirkt, den Stand wiederherzustellen, den ich mir vorhin herbeigewünscht habe, den Zustand vor dem Buntanfall.

Naheliegend, aber auch irrefüh­rend, weil von mir weg führend. Hätte ich das „Gefällige“ so behal­ten, wie es in dem Video zu sehen ist, das ich unmittelbar nach der Stickphase gedreht habe, so wäre das Werk unfertig gewesen. Dann erst die Farben und die unleserliche Schrift machen es voll und ganz zu meinem Werk. Weil das alles zu meiner Art ge­hört, mich auszudrücken. So und nicht anders musste das Heft am Ende aussehen.

Deshalb bleibt es jetzt so. Oder ich trage vielleicht doch hier und da noch ein wenig weißes Gesso auf.

Vor dem Buntanfall
Nach dem Buntanfall (+ anderes Licht)

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