Komm küssen, Muse!

Komm küssen, Muse!

3. Mai 2019 Aus Von Andrea Gunkler

Die Geschichte der Kreativität ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nehmen wir nur mal die Sache mit der Muse. Sie ist launisch, sagt man. Sie muss einen küssen, bevor man krea­tiv werden kann, sagen – und glauben – andere. Okay, dass mit der Launenhaftigkeit ist auch so eine Glaubenssache. Wie überhaupt die Frage, ob es so et­was wie eine Muse überhaupt gibt, und wenn ja, wie viele davon und wer oder was das ist. 

Seit der griechischen An­tike schwirren sie umher, die Musen, als Personen, die einen besonders inspi­rierenden Einfluss auf jemanden haben, oder aber als göttliche Erscheinung, als Manifestation einer überirdischen Macht, die dem Künstler Ideen ins Ohr haucht. 

Muse, wir müssen reden! 

Wem der göttliche Funke gerade fehlt und einen Dialog mit seiner Muse so beginnt, der hat das Konzept von Krea­tivität nicht verstanden. Und wer sich erhobenen Hauptes hinstellt und behaup­tet, eben jenen Musenkuss bräuchte es zwingend, um schöpferisch tätig zu sein, der hat es ebenso wenig kapiert – oder sitzt auf einem hohen Ross und will von all dem Spaß nichts abgeben. (Wobei das ja sinnlos ist. Wie all die anderen schönen Dinge im Leben – Liebe, Freude, Glück – ist auch vom Spaß mehr als genug für alle da.) Wenn da aber keine göttliche Eingebung am Werk ist, woher bezieht eine Künstlerin dann Inspiration?

Picasso hat es schön formuliert: Inspi­ration (auch bekannt als die Muse) existiert, aber sie muss dich beim Arbeiten antreffen.

Wenn du nämlich nur dasitzt und Löcher in die Luft starrst, statt Worte in deinen Computer zu tippen oder den Pinsel über das Papier tanzen zu las­sen, dann denkt sich die Muse: was soll ich da vorbeischauen, da gibt es nichts zu sehen. Oder sie denkt: hm, sie ist beschäftigt, da will ich nicht stören, wenn du statt zu schreiben oder zu malen lieber fernsiehst oder die Zeit mit Shoppen vertrödelst.

Wenn du aber deinem Schöpfungswillen folgst und dich dran machst an deine kreative Arbeit, dann fühlt sie sich von dem, was da gerade entsteht, magisch angezogen. Musen lieben die Hingabe. Und dem­jenigen, der sich da hingibt an seine kreative Arbeit, ist sie mehr als gewogen. Du selbst magst das, was du da fabrizierst, für vollkommenen Mist oder belangloses Zeug halten. Aber mach weiter, um der Muse willen mach unbedingt weiter. Die ist näm­lich gar kein launisches Wesen, die Muse, sondern sie ist verdammt neugierig. Sie braucht Ankerpunkte, um mit ihrer Fantasie einzuhaken. 

Wenn du also bereits dabei bist, etwas zu erschaffen, dann kann es gut passieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, nein, dann geschieht es garantiert, dass du auf einmal einen Impuls wahrnimmst, welche Wendung dei­ne Geschichte nehmen wird, welche Farbe und Form jetzt aufs Blatt soll. Manch­mal sagt dir dieser Impuls auch nur das nächste Wort an oder die nächste Linie. 

Du musst gut aufpassen wäh­rend du arbeitest, damit du die Inputs der Muse nicht überhörst. Du brauchst volle Konzentration auf die Sache, an der du arbeitest, denn manchmal spricht die Muse leise, sanft und zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Wie gut, dass du dann gerade ganz achtsam an deinem Text schreibst oder an deinem Bild malst. Denn der eine Impuls gibt den nächsten. Und ist so eine Muse erst einmal in Fahrt, dann passiert auch schon mal Ungeheuerliches, Un­fassbares, vollkommen Überraschen­des. Hinterher liest du deinen Text oder schaust dein Bild an und fragst dich: Wow! Das habe ich geschaffen?

Ja, hast du.

Du hast das mit der Muse kapiert und weißt jetzt, wie du sie anlockst. 

Meine sagt mir gerade, ich soll un­bedingt noch von ihrer Schwester erzählen, der Muße. Eigentlich mögen sie sich nicht und sind sie fast nie an einem Ort anzutreffen. Du als kreativer Mensch aber brauchst beide: letztere, die Muße also, um Kraft für deine nächste kreative Sitzung zu sammeln, damit du wach bist für die Einflüsterungen der Muse.

Was du aber unterlassen solltest: die Muße vorschieben, die du angeb­lich brauchst, um überhaupt kreativ tätig zu werden. Das nimmt die Muse übel. Denn dann bist du wieder mittendrin im Missverständnis. Wie du schon weißt: Muse und Muße treten nie ge­meinsam auf – oder nur unter besonderen Bedingungen. Es hat also überhaupt keinen Sinn, auf Stunden der Muße zu warten. Fang einfach an mit dem, was du tun willst. Die Muse kommt dann schon herbeigeflattert.

Wo wir schon bei den Missver­ständnissen sind: es ist unwahr, dass Kreativität eine Geschichte hat. Niemand hat sie erfunden. Nie­mand hat sie entdeckt. Wir Menschen besitzen sie, jeder Mensch. Kreativität ist universell menschlich und deshalb geschichtslos.

Kreativität gehört zu unserer Spezies wie der aufrechte Gang und die Haut über unseren Muskeln. Dazu las ich kürzlich Folgendes:

Kinder singen, bevor sie sprechen.
Sie malen, bevor sie schreiben.
Sie tanzen, bevor sie gehen können.
Kunst ist die Grundlage mensch­lichen Ausdrucks. Das sagte Phylinia Rashad, die amerikanische Schauspielerin, bekannt aus der Bill-Cosby-Show.

Wer soll uns also etwas über Kunst beibringen und über Kreativität, das nicht langst schon in uns ist? 

In diesem Sinne: Meine Muse kennt deine Muse. Sie ist ein und dieselbe!

Namaste 🙏
Deine Andrea