Eine Küche müsste man haben!

14. Juni 2016 0 Von Andrea Gunkler

Ohne Küche leidet die Kreativität. Das betrifft das eigentliche Kochen genauso wie das Schreiben.

Fünf Jahre lang hatte ich keine eigene Küche. Um mich und meinen Mann zu bekochen, musste ich die Küche ein Stockwerk tiefer benutzen. Fremde Töpfe, fremder Herd, fremde Kochutensilien, für meinen Geschmack befremdliche Fernsehsendungen, die aus dem Nebenraum tönten. Kein guter Ort zum kreativen Arbeiten, weder am Herd noch am Buch. Deshalb blieb das Notizbuch fast immer oben. Dabei kommen mir beim Kochen oftmals gute Ideen. Ich nahm das Notizbuch nur dann mit an den Herd, wenn ich allein war in der Küche.

Kam mir doch während des Kochens eine Idee, die drängte, und ich hatte kein Notizbuch dabei, musste ich sie auf Zeitungsränder kritzeln, auf Einkaufszettel oder Briefumschläge aus dem Papiermüll. War nichts davon zur Hand, mussten die Ideen sich hinten anstellen, bis ich das Kochen hinter mich gebracht hatte. Drängten sie allzu sehr, hieß es abwägen, was eher brennt: Das Essen oder die Idee? Manchmal rannte ich also aus der Küche, die Treppe hinauf, an meinen Schreibtisch und notierte – sofern mich unterwegs nichts abgelenkt hatte, denn Ablenkungen können tödlich sein für geniale Einfälle – wie Türen, die man durchquert. Hielt die Idee bis oben, schrieb ich sie auf. Ganz drängelige Ideen begnügten sich nicht mit ein oder zwei Sätzen, sie füllten ein oder zwei Absätze, die ich in aller Eile niederschrieb, und dann waren die Spaghetti übergekocht oder das Fleisch verbrannt, bis ich wieder unten am Herd war.

Keine Küche zu haben ist dem Schreiben also genauso abträglich wie dem Kochen.

Dabei ist das Kochen – wie das Schlafen – ein perfekter Ideenausschütter. Im Schlaf verarbeitet das Gehirn die Eindrücke des Tages, sortiert sie, beschriftet sie, speichert ab, wirft weg, was nicht gebraucht wird, stellt Verknüpfungen her in den verschiedenen Wahrnehmungszentren. Besser als jedes Notizbuch. Manche Verknüpfungen lösen Explosionen aus, die heißen dann Ideen und machen das aus, was wir Kreativität nennen. Das ist die Natur unseres Gehirns. Und wir, die Schreibenden, haben gelernt, diese Ideen zu registrieren, über sie nachzudenken, wenn wir wach geworden sind, und wiederum verstandes- und gefühlsmäßig zu sortieren, was uns interessant erscheint.

Beim Kochen passiert Ähnliches. Augen, Hände konzentrieren sich auf das Schnippeln, Reiben, Schwenken, Rühren, Wenden, bevorzugt Kneten, und das Gehirn kann sich ohne störende Gedanken seiner Arbeit widmen. Und wie eine Blase aus Tomatensoße aufblubbert, platzt und rote Spritzer in der Küche verteilt, platzen auch die Ideen aus dem Gehirn heraus, werden Sätze, Absätze und am Ende vielleicht Geschichten. In diesem Moment ist ein Notizbuch absolut Goldes wert – wie die Kochplatte mit Pausentaste.

Kochen ­– in angenehmer Atmosphäre – ist also nicht nur für genussvolles Essen notwendig, auch das Schreiben profitiert davon. Und wer fürs Kochen keine Begeisterung aufbringt, probiere es wahlweise mit Gartenarbeit, Holzschnitzen oder … Schlafen.

Eure und Ihre Andrea Gunkler

Dieser Text erschien zuerst 2016 im 42er-Blog, Kategorie Sonntagsserie.