Gute Gedanken

Liebe*r [subscriber:firstname | default:Abonnent],


Schwierige Zeiten brauchen gute Ge­danken. Stopp! Alle Zeiten brauchen gute Gedanken. Deshalb schicke ich dir ab jetzt regelmäßig ein paar davon.

Was macht Ungewissheit mit dir?


Wie geht es dir? Bist du sicher, da wo du bist? Sind es deine Lieben? Wie gehst du um mit all den Mel­dungen, die sich täglich überschlagen? Sitzt du davor wie das Kaninchen vor der Schlange und dein Herz pocht wie verrückt? Oder ignorierst du die Nachrichten inzwischen? Oder ge­lingt es dir, Ruhe zu bewahren im Sturm und dich in Gelassenheit zu üben - im eigenen Interesse und für dein Umfeld?

Dann sage ich Bravo! Das ist eine enorme Leistung, zu der du dir ordentlich auf die Schulter klopfen darfst. Ich selbst bin auch wieder auf dem Weg dorthin.

Selbst für eine Berufsoptimistin wie mich war es anfangs beinahe unmöglich, die Contenance zu wahren. Ganz ehrlich? Einen Tag lang hatte ich solchen Schiss in der Hose, dass ich nach einer fast schlaflosen Nacht eine zweistündige Wanderung brauchte, um wieder zu mir zu kommen. Anderntags hatte ich meine Fassung wieder und mein Innenleben soweit beruhigt, dass ich mir der Irrationalität meiner Angst sicher sein konnte. (Mein Schatz fragte mich sogar, als er abends von der Arbeit kam, ob es mir gut geht. Das tut er sonst nie, also muss ich ganz schön am Rad gedreht haben. Und er sagte auch, wenn es mir gut ginge, ginge es ihm auch gut!)

Bis dahin aber hatte mich das Gedan­kenkarussell fest im Griff. Mein Verstand beschäftigte sich mit all den Möglich­keiten, mit den Unklarheiten, den unzähligen Was-Wäre-Wenns. Kennst du das auch, dieses Gedan­kenkarussell, wenn sich jeder Gedanke wieder und wieder um eine einzige Fragestellung dreht und doch keine Lösung in Sicht ist? Keine Antwort? Keine Klarheit? Was, wenn wir jetzt gar nicht mehr rausdürfen? Wird mein Arbeitgeber diese Zeit überleben? Werde ich noch einen Job haben hinterher? Was, wenn einer aus meiner Familie sich ansteckt? Wann ist dieser furchtbare Zustand vorbei?

All das sind Fragen, auf die es keine oder ganz, ganz viele Antworten gibt. Lauter verschiedene auch noch. Das überfordert unseren Verstand vollkommen. Der braucht Klarheit, eindeutige Antworten. Etwas ist entweder schwarz oder weiß. Wenn A passiert, muss ich B tun. Alles Uneindeutige sorgt für Unsicherheit. Mit Grautönen kann unser Verstand nichts an­fangen. Da ist eine Lücke auf einmal, etwas, das so oder so sein kann. Oder ganz anders. Niemand kennt die Antwort. Da ist nur dieses überwältigende Vielleicht!

Diese Unsicherheit macht Angst. Dann ruft der Verstand nach Regeln, nach Anweisungen, dann greift er schon mal nach Stroh­halmen, mit Vorliebe auch nach (vermeintlich) einfachen (vermeintlichen) Lösun­gen.

Doch in Situationen wie denen, in der wir uns gerade befinden, gibt es keine einfachen Lösungen. Es gibt gar keine Lösungen. Wir alle sind gezwungen, mit der Unklarheit zu leben. Auch mit der Unsicherheit, mit dem Risiko. (Obwohl jeder für sich letzteres mini­mieren kann.) Aber wir können gerade nichts lösen. Punkt. Nicht mal "die da oben", wie die Verantwortlichen in der Politik gern genannt werden, wissen genau, was zu tun ist. Auch sie stecken zum ersten Mal in einer solchen Situation. Auch sie sind nicht vor Ansteckung sicher. Selbst unsere Bundeskanzlerin ist in Quarantäne.

Wir können uns stattdessen darin üben, diese Unsicherheit, diese Unwissenheit auszuhalten. Dann klafft da eben diese Lücke. Gut. Und gut, dass sie da ist. Denn dort, wo der Verstand sonst sein Wissens-Pflästerchen aufge­klebt hat, sitzt jetzt ein dickes, fettes Vielleicht und lächelt uns an. Vielleicht kommt die Ausbrei­tung des Virus in einer Woche zum Stillstand. Vielleicht beschäftigt sie uns noch das ganze Jahr. Wer kann das schon sagen?

Lächeln wir zurück und räumen dem Vielleicht einen Platz in unserem Herzen ein. Dieses Vielleicht ist eine Chance. Mit dem Ver­stand kommen wir in dieser Situ­ation sowieso nicht weiter. In diesem Vielleicht jedoch entsteht ein Raum, wird etwas weit, alles ist offen. In diesen Raum können wir mit unserem Herzen gehen, dort wachsen Neugier und Kreativität, ganz neue Was-Wäre-Wenns kommen auf, Ideen, etwas voll­kommen Unerwartetes, womit du niemals gerechnet hast.

Wir sind darauf trainiert, nur mit unserem Verstand auf die Welt zu schauen, und der ist fixiert auf Wissen, auf Regeln. Es gibt da keinen Platz für Auslegung, keinen Spiel-Raum. Die Möglichkeiten aber, die das Leben hat, die Natur, die sind unbegrenzt, die sind unvorhersagbar - und manchmal ein Wunder. Wir sind ein Teil dieser Natur, wir sind ein Teil des Lebens in ihr und damit ihren Gesetzen unterworfen, auch wenn wir das manchmal nicht wahrhaben wollen und uns als etwas Spezielles betrachten. Sind wir nicht. Wir sind Lebewesen, Säugetiere der Spezies Homo sapiens sapiens (bei uns steckt das "Wissen" also schon im Gattungsnamen!).

In die Wissenslücke hinein, die der Verstand lassen muss, können wir atmen, ruhig wer­den, den eigenen Körper spüren und die Kleidung auf der Haut. Können das Schöne betrachten, das um uns herum ist, den Frühling, der uns gerade mit Macht blüht (hatschi! Pollen!), die Liebe zu den Menschen, die uns nah sind. Wenn wir die Lücke im Wissen zulassen, hört der Verstand auf, sich im Kreis zu drehen und zu versuchen, etwas zu regeln, was gerade nicht zu regeln ist. Die Unsicherheit bleibt, keine Frage, aber sie verliert ihren Schrecken, wenn wir lernen, sie als Teil des Lebens zu akzeptieren, als Teil unseres Lebens, als den Ort, an dem alles möglich ist, entweder das eine oder das andere. Das braucht Übung - wie alles Neue.

Oscar Wilde sagte einmal: "Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende." (Okay, das kennst du schon, es ist mein Lieblingszitat.)

Vertrauen wir darauf. Gehen wir jeden neuen Tag mit Gelassen­heit an. Er ist ein Geschenk, und unsere Aufgabe ist es, das Beste daraus zu machen - für uns selbst und für andere. Denn wenn wir gelassen sind, erlauben wir den Menschen in unserer Umgebung, es auch zu sein. Wenn wir Gutes denken, entsteht Gutes. Wie im Innen, so im Außen - auch das ist ein Naturgesetz.

Was kannst du heute Gutes sehen - und tun - für dich, für deine Lieben oder jemand anderen?

Pass gut auf dich auf! Und auf deine Gedanken. Du kannst wählen, wie sie gestrickt sind. Falls das Karussell wieder startet, übe dich darin, das Nicht-Wissen zu akzeptieren, und lade das Geschenk des Vielleicht auf eine Tasse heiße Schokolade ein.

Deine Andrea

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